Moralischer Schiffbruch?

Moralischer Schiffbruch?

Wir leben in einer Zeit der neu aufflammenden Moralität. Plastikkonsum ist Sünde. Wenn ich ins Flugzeug steige soll ich ein schlechtes Gewissen haben. Eine Scheidung ist dagegen eine Befreiung, sofern sie einvernehmlich ist und die Kinder keinen Schaden nehmen.

Aber wehe, jemand fordert die eigene Moralität heraus – das ist dann die Ursünde. Mein Leben – meine Moral. Zugegeben, nicht alles ist beliebig: Meine Tat darf niemand anderen schädigen. Das ist die soziale Dimension der Moral. Und die halten die meisten von uns hoch. Aber war das schon alles, wenn es um die Moral geht?

Ist Moral Privatsache?

C.S. Lewis gebraucht in „Mere Christianity“ (Book 3 – „The three parts of moraltity“) ein hilfreiches Bild um die Moral zu illustrieren: Wir Menschen sind wie Schiffe. Aber wir sind keine isolierten Segler auf weiter Flur. Wir leben mit anderen Menschen zusammen, daher fahren unsere Schiffe immer im Konvoi – mal enger mal weiter.

Die Moral ist nun das „Regelwerk“ nachdem die Reise des Konvois ablaufen soll. Und Lewis sieht hier drei Dimensionen:

Die soziale Dimension

Diese Dimension ist wohl die offensichtlichste und auch anerkannteste (siehe oben). Als Menschen wollen wir Gemeinschaft erhalten, ohne uns gegenseitig zu zerstören. Das ist die große Aufgabe und Spannung des Zusammenlebens. Wir können nicht ohne einander, aber miteinander auch nicht so recht.

Hier gibt es nun zwei Gefahren für den Konvoi:

  1. Die Schiffe driften auseinander (keine menschliche Gemeinschaft – Einsamkeit)
  2. Die Schiffe kollidieren (Konflikte und Schädigungen)

Soziale Moral hat also Fairplay und Harmonie zwischen den Einzelnen im Blick.

Die individuelle Dimension

Aber damit die Schiffe überhaupt Kollisionen vermeiden und eine harmonische Formation halten können, muss jedes Schiff in Ordnung und seetüchtig sein. Deshalb ist die eigene Moralität – das was man vielleicht Charakter nennen könnte – unerlässlich wichtig für das Zusammenleben.

Denn wie für den Konvoi gibt es Gefahren für die einzelnen Schiffe:

  1. Die Teile des Schiffes driften auseinander und greifen nicht mehr ineinander.
  2. Die Teile des Schiffes kollidieren und verursachen Schäden.

Deshalb kann sogar die individuelle Moral einer Person nie nur Privatsache sein. Sie strahlt mittelfristig auf die Gemeinschaft aus. Und eine Gemeinschaft kann nur mit mutigen und selbstlosen Individuen stark werden – Das braucht Veränderung auf dem persönlichen Level. Wenn die ausbleibt ist die Moral nichts weiter als ein Haufen Regeln der dann halt auf andere Weise umgangen/gebrochen werden wird.

Die universale Dimension

Nun fehlt aber noch die dritte Dimension der Moral. Denn wenn die Schiffe zwar alle seetüchtig sind und in Reih und Glied fahren, aber statt wie geplant in Hamburg in Kapstadt ankommen – oder gar auf ein Riff laufen – war die ganze Frage nach der Moral sinnlos. Sie hat buchstäblich kein Ziel. Aber woher kann denn so ein Ziel kommen, wenn wir doch alle mitten auf See ohne Satellitenbild sind?

Hier wird es nun so richtig haarig für den modernen Menschen. Denn hier geht es tatsächlich um alles – die Weltanschauung. Das heißt um das was ich über das Universum und alles darin denke und glaube. Hier wird es schnell transzendent: Gott? Leben nach dem Tod? …

Denn je nachdem wie ich diese Fragen beantworte, werde ich mir überhaupt erst um einige Fragen scheren: Angenommen mein Motor läuft unrund und hat etwas Verschleiß. Wenn ich davon ausgehe, dass mein Schiff nach 70 Jahren verschrottet wird und aufhört zu existieren, dann ist es egal. Aber wenn ich annehme, dass ich ewig existiere, dann werde ich in 10.000 Jahren ein „höllisches Problem“ haben, wie Lewis es ausdrückt.

(Wie gut, dass das Evangelium für den Gläubigen eine Generalüberholung nach seinem Tod vorsieht – die Verherrlichung)

Oder wie ich mit meinem Schiff umgehe, hängt davon ab, ob ich glaube Eigentümer oder rechenschaftspflichtiger Verwalter zu sein. Auch die Zielsetzung des eigenen Lebens und der Gesellschaft hängt von solchen großen Fragen ab: Ohne Gott und Gerechtigkeit nach dem Tod ist es völlig unerheblich, wohin jeder einzelne und die Gesellschaft steuert. Dann ist es vielleicht nur noch wichtig, keinen anderen zu rammen. Aber selbst das wäre nur eine Vereinbarung, an die ich mich nicht unbedingt halten muss, wenn es drauf ankommt und ich meinen Profit sehe.

Wenn ich aber mit Gott rechne, dann wird aus der sinn- und ziellosen Moral ein sinnstiftendes Gefüge. Etwas das einem gemeinsamen und höheren Ziel dient. Aber auch nur von Gott her kann ein solcher Ordnungsimpuls ausreichen, denn er ist in unserem Manöver der einzige mit objektivem Standpunkt.

Das Werk von Lewis gibt es auch in einer Deutschen Ausgabe: Pardon ich bin Christ!


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.